ABENTEUER ANTARKTIS

Benjamin Ritter

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Antarktis – Die letzte Wildnis der Erde

Zweiter Weihnachtsfeiertag. Der Rest der Familie, Freunde und Bekannte saßen zum Zeitpunkt unserer Abreise wahrscheinlich gemütlich an einem gut gedeckten Tisch neben ihrem Tannenbaum. Für uns, also meinen Vater und mich, ging es hingegen nach Frankfurt und von dort aus in etwas über dreizehn Stunden nach Buenos Aires, die Hauptstadt Argentiniens. Andere Stadt, andere Sprache und ungefähr 30 Grad Temperaturunterschied. Nach nur einer Übernachtung zogen wir aber auch schon weiter, und zwar in die selbsterklärte südlichste Stadt der Welt: Ushuaia, Feuerland, Ende der Welt. Südgeorgien, die südlichen Orkneyinseln oder auch die südlichen Shetlandinseln werden von hier aus angefahren. Ushuaia wird zudem als Tor zur Antarktis bezeichnet. Von hier aus gelangt man mit dem Schiff ebenfalls zur antarktischen Halbinsel. Nachdem wir durch den Ort und seine Cafés und Restaurants geschlendert waren und uns den Nationalpark Terra del Fuego angeschaut hatten, betraten wir am 29. Dezember dann endlich das Bord unseres Expeditionsschiffs.

Als wir am Nachmittag zusammen mit ca. 100 anderen Reisenden unser Gepäck an Bord des Schiffs brachten, hatte ich noch keine genaue Vorstellung davon, was uns in den kommenden zwölf Tagen erwarten würde. Natürlich hatte auch ich schon vor Antritt der Reise die Bilder im Kopf, die wohl die meisten mit der Antarktis in Verbindung bringen. Eiswüste, wehende Winde, Pinguine, Seelöwen, Wale, Eisberge. Und auch die alten Schwarz-Weiß-Bilder der Forscher und Entdecker, die schon seit dem frühen 19. Jahrhundert die ersten Expeditionen in dieses unbarmherzige und eisige Territorium unternommen haben.

Unsere Kabine war klein, funktionell und ziemlich komfortabel eingerichtet. Zwei Einzelbetten, ein kleiner Schreibtisch, ein Kleiderschrank und ein Duschbad befanden sich darin. Die Kabine selbst war mit einigen Wandgriffen versehen und die Schubladen und Schränke mit Druckknöpfen zum auf- und abschließen. Das hatte hauptsächlich Sicherheitsgründe, wie wir in den darauffolgenden zwei Tagen feststellten. Denn von Ushuaia aus ist mit dem Schiff zunächst die berüchtigte Drake Passage zu durchqueren, um zur antarktischen Halbinsel zu gelangen. An schlechten Tagen warten hier bis zu zehn Meter hohe Wellen auf die Schiffskapitäne. Für uns verlief die Durchfahrt jedoch relativ ruhig. „Relativ ruhig“ heißt dennoch, dass man nachts im Bett hin und her geschmissen wird, sich bei jedem Fußweg gut festhalten muss, keine Türen oder Schubladen offenstehen lassen darf, jedes Glas und jede Tasse gut festhalten muss und der Gang auf das Außendeck undenkbar ist.

Einmal an der antarktischen Halbinsel angekommen, war die Fahrt nicht mehr so wackelig und wir konnten uns an Bord des Schiffs schon etwas einleben. Wir hatten zwei Tage gebraucht, um die Drake Passage zu durchlaufen. Nach der Sichtung des ersten Eisberges folgten an diesem dritten Tag an Bord des Schiffs einige Briefings. Das korrekte Verhalten in der Antarktis, Umweltbewusstsein und Sauberkeit sowie der Umgang mit wilden Tieren. Da dieser dritte Tag gleichzeitig der 31. Dezember war, gab es abends ein Silvester Dinner mit anschließender kleiner Party auf dem verglasten Aussichtsdeck. So wurde die Vorfreude auf den nächsten Tag nur noch weiter gesteigert, an dem wir zum ersten Mal Festland betreten sollten. Die dann folgenden Tage waren vollgepackt mit einzigartigen Erlebnissen.

Noch am selben Abend stand auch schon das nächste Highlight des Trips an: Camping.
Campen läuft hier aber ohne Zelt, ohne Lagerfeuer und ohne Essen. Denn es ist streng verboten irgend etwas, das Müll hinterlassen könnte, mit an Land zu nehmen. So machten wir uns abends um 21:30 Uhr mit dem Zodiac und unseren Schlafsäcken auf den Weg an Land. Zu zweit oder zu dritt musste sich jedes Team mit Schaufeln eine Kuhle in Schnee und Eis graben, die tief genug war, um nachts vor Wind geschützt zu sein. Nach circa einer Stunde waren alle mit ihrem Ergebnis zufrieden und nach einem gemeinsamen Foto ging es dann ins „Bett“ aus vier Lagen verschieden dünner und dicker Schlafsäcke. Unser Camping Spot lag relativ nah am Wasser und um uns herum hatten auch mehrere Eselspinguine und Weddellrobben ihr Lager für die Nacht aufgeschlagen. Ein paar neugierige Pinguine kamen zu uns rüber, um sich das Procedere aus der Nähe anzuschauen und verabschiedeten sich dann wieder. Eingewickelt in Skiunterwäsche, Mütze, Schal und mehrere Lagen Schlafsäcke konnten wir ein paar Stunden schlafen. Nach einer kurzen und hellen Nacht – im antarktischen Sommer zwischen November und März wird es nie dunkel – wurden wir um 4:30 Uhr geweckt, um zurück an Bord zu gehen.

An Tag fünf, auf dem Weg nach Neko Harbour, zeigten sich das erste Mal auch Zwergwale im Wasser. Beim Landgang waren wir wieder einmal umgeben von unzähligen Eselspinguinen, viele davon mit flauschig aussehenden Küken um sich herum. So konnten wir den Pinguinen beim Füttern ihrer Kleinen zuschauen und hatten gleichzeitig eine beeindruckende Aussicht auf den sehr aktiven Gletscher bei Neko Harbour. Das Kalben größerer Eismassen ist hier keine Seltenheit und permanent war im Hintergrund das Knacken des Eises zu hören.

Am Nachmittag durchfuhren wir dann den Neumayer-Kanal, welcher im Winter meist durch Eisberge und festes Eis blockiert und damit nicht passierbar ist. Als nächster Halt stand Port Lockroy, eine ehemalige britische Forschungsstation, welche nun als Museum und südlichstes Postamt der Erde dient. Sendungen werden von hier aus über die Falklandinseln verschickt.

Bevor wir uns aber im sogenannten Penguin Post Office einen Stempel in unsere Reisepässe drücken konnten, fuhren wir zunächst mit den Kayaks raus. Das bedeutete schnell in die Kabine, Kayakausrüstung in Form von Neoprenanzug, wasserdichten Schuhen, Spritzdecke, usw. anziehen und anschließend die Kayaks ins Wasser lassen. Dann auf die Zodiacs und auf dem Wasser vom Zodiac in das Kayak umsteigen. An diesem Nachmittag zeigten sich leider keine Wale in unmittelbarer Nähe. Dafür trauten wir uns ziemlich nah an übergebliebenes Festeis zwischen Goudier Island und Wiencke Island und konnten einige Krabbenfresser-Robben beobachten, die auf dem Eis ihren Mittagsschlaf hielten.

Den folgenden Tag verbrachten wir mit zwei Landgängen am Damoy Point und an der Base Brown. Neben nistenden Eselspinguinen gab es hier ehemalige und unbesetzte Forschungsstationen zu sehen. Nicht nur Fotos, sondern auch eine kleine Schneeschuhwanderung waren hier drin. Es schneite ein wenig und der Großteil der Landschaft war von Nebel bedeckt. Von weiter hinten sah die Reihe von Schneeschuhwanderern aus, als ob sie ins nichts laufen würde.

Tag sieben lieferte daraufhin erneut spektakuläre Ausblicke. Unser Kapitän fuhr das Schiff entlang der 6km langen Meerenge des Lemaire-Kanals, welche an der schmalsten Stelle nur etwa 700m breit ist. Der Kanal ist von bis zu 1.000m hohen Bergen umgeben, die sich in schwarz und teilweise von Schnee bedeckt in die Höhe strecken. Zusammen mit der fast spiegelglatten Wasseroberfläche und den türkisblauen Eisstrukturen im Wasser war diese ganze Szenerie einfach unglaublich.

Für den Vormittag stand für mich Bergsteigen auf dem Programm. Als Gruppe von 14 Mountaineers, ausgestattet mit Schneeschuhen, Eispickeln und Karabinerhaken, machten wir uns auf den Weg, Hovgaard Island zu überqueren. Wir starteten auf der Nordseite und kamen innerhalb von zwei bis drei Stunden auf der Südseite an. Unterwegs fing es ziemlich stark an zu schneien und um uns herum war sehr viel Nebel. Umso größer war der Spaß, denn das fühlte sich richtig nach Expeditionsabenteuer an! Als es bergab etwas steiler wurde, brauchten wir unsere Eispickel auch noch, um im Eis etwas Halt zu finden. Da die Zodiacs anderweitig unterwegs waren, mussten wir bei Ankunft an der Südseite noch einige Zeit warten. Nach knapp einer halben Stunde wurden wir dann endlich eingesammelt und zurück auf das Schiff gebracht. Da war erst mal eine heiße Dusche nötig!

Viel Zeit zum Ausruhen hatten wir aber nicht, denn nach einem kurzen Mittagessen ging es sofort weiter mit dem nächsten Landgang. Diesmal auf Petermann Island. Dort konnten wir einen Hügel hinauflaufen, auf dem zum ersten Mal auch eine große Kolonie von Adeliepinguinen zu sehen war. Im Gegensatz zu den Eselspinguinen hatten die schon früher gebrütet und die Küken waren daher schon etwas größer und sahen noch flauschiger aus. Wirklich schöne Tiere, die Adelies. Ebenfalls auf der Insel befanden sich noch zwei See-Elefanten, die größten Robben der Erde. Die Bullen erreichen bis zu 6m Länge und bringen drei bis vier Tonnen Gewicht auf die Waage. Die beiden See-Elefanten waren noch nicht ausgewachsen, aber machten dennoch schon einen massigen Eindruck.

Abends fuhren wir wieder zurück durch den Lemaire-Kanal. Die fast untergehende Sonne warf ein Wahnsinnslicht auf die Eislandschaft und im ruhigen Wasser spiegelte sich wieder alles.

Tag 8 brachte uns eine weitere neue Pinguinart. Auf den Ome Islands trafen wir diesmal auf Zügelpinguine. Sie werden auch Kehlstreifpinguine genannt, da ein schwarzer Streifen entlang ihrer Kehle ihr Aussehen charakterisiert. Bevor wir uns auf den Weg zurück an Bord des Schiffs machten, fuhren wir mit den Zodiacs an den vielen Eisbergen auf dem Wasser vorbei. Einige von ihnen waren extravagant geformt und durch die türkise Färbung aufgrund des Sonnenlichts noch schöner anzusehen.

Auf dem Weg nach Enterprise Island und Føyn Harbour hatten gerade alle an Bord zum Mittagessen Platz genommen, als sich plötzlich rumsprach, dass Orcas in der Nähe seien. Also liefen alle auf die Außendecks des Schiffs und tatsächlich schwamm eine Gruppe von mindestens 20 Orcas auf das Schiff zu. Die Gruppe war gerade auf der Jagd und interessierte sich daher nicht sonderlich für das Schiff. Deshalb kamen die Orcas sehr nah an das Schiff heran, was eine optimale Gelegenheit für Fotos bot. Ungefähr eine halbe Stunde konnten wir die jagenden Orcas beobachten, bevor die Weiterfahrt begann. Auch wenn sich das aufgrund der vielen tollen Erlebnisse auf diesem Trip nur schwer sagen lässt, so denke ich, dass dies meine persönlichen Lieblingsmomente waren. Ich hatte schon lange davon geträumt einmal wilde Orcas zu sehen und ausgerechnet hier hatte es geklappt!

Bei Enterprise Island angekommen gingen wir wieder an Bord der Zodiacs und fuhren eine Zeit lang durch das Wasser. Neben weiteren spektakulären Eisbergformationen gab es hier auch noch das Schiffswrack Guvernøren zu sehen. Seitdem es zuvor als Schiff für die Waljagd gedient hatte und 1915 abbrannte, liegt es an dieser Stelle. Heutzutage dient es den antarktische Seeschwalben zum Nisten und zeigt einen beeindruckenden Kontrast durch die rostigen Schiffsüberreste inmitten der antarktischen Eisberge.

Der nächste Tag war dann leider auch schon unser letzter Tag vor Ort an der antarktischen Halbinsel. Morgens waren wieder einige Buckelwale in der Nähe des Schiffs. Gleich darauf folgte dann auch schon ein weiteres Tier-Highlight. Als die Zodiacs gerade im Wasser auf dem Weg nach Yankee Harbour waren, tauchte ein Seeleopard auf, der es sich nicht nehmen ließ, zwischen den Booten hin und her zu schwimmen und immer wieder auf- und abzutauchen. Auch an Land von Yankee Harbour waren wieder einige Tiere zu sehen. Wenn die Antarktis keine Wildnis wäre, könnte man fast meinen, dass dies eine arrangierte Zusammenkunft war. Denn dort fanden wir Eselspinguine, Adeliepinguine und Zügelpinguine sowie einige junge Seeelefanten, die sich an Land hingelegt hatten.

Der letzte bevorstehende Stopp zum Abschluss war dann noch Deception Island, eine der südlichen Shetlandinseln. Diese Insel ist in Wirklichkeit die Spitze eines noch aktiven Vulkans, weshalb das Wasser und auch der schwarze Sand an Land sehr warm sind. Neben ein paar alten verlassenen Gebäuden gab es hier auch noch einen tollen Aussichtspunkt.

An Tag 10 und 11 war dann wieder die Überfahrt über die Drake Passage und zurück nach Ushuaia angesagt. Die verlief sehr ruhig und die Stimmung an Bord war immer noch ausgelassen gut. Ausnahmslos jeder an Bord des Schiffs war glücklich über die Ereignisse und Erlebnisse der letzten Tage und blickte mit einer gewissen positiven Trauer dem Anlegen in Ushuaia und damit dem Ende dieses Trips entgegen. An diesen beiden Tagen konnten wir die vorigen Tage Revue passieren lassen und hatten die Gelegenheit, Kap Hoorn aus der Nähe zu sehen sowie Albatrosse und Peale-Delfine auf und über dem Wasser zu beobachten.

Insgesamt haben wir auf diesem Expeditionstrip 1.917 Seemeilen und damit 3.365km mit dem Schiff zurückgelegt. Die zwölf Tage rund um die antarktische Halbinsel waren ein unvergessliches und unvergleichbares Abenteuer, was für mich in Zukunft schwer zu übertreffen sein wird. Selbst einige Monate nach dieser Reise erscheint mir dieses Erlebnis surreal und unfassbar. Ich hoffe vor allem, dass die Antarktis weiterhin mit dem nötigen Respekt behandelt und noch lange die letzte Wildnis der Erde bleiben wird!


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BENJAMIN RITTER

Ben ist Student und Hobbyfotograf aus Köln. Seit Beginn seiner siebenmonatigen Weltreise im Jahr 2014 versucht er, in einer Kombination aus Reise-, Landschafts- und Tierfotografie, die verschiedenen schönen Momente des Reisens festzuhalten. Neben dem Studium findet er immer mal wieder Zeit für kleinere und größere Abenteuer. Am liebsten ist er mit wenig Gepäck und dem Rucksack unterwegs, um neue Länder und Kulturen kennenzulernen. Aber auch in seiner Heimat möchte er immer wieder neue Orte entdecken.

www.ben-ritter-photography.jimdosite.com