Von Anja Pöhlmann

 

Ende November letzten Jahres flog ich mit sieben anderen Fotografen für zwei Wochen nach Indien. Auf dem Plan standen Neu Delhi, Jodhpur, Kolkata und Varanasi. Die vier Städte hätten unterschiedlicher nicht sein können und an jedem Ort gab es etwas anderes, das uns faszinierte.

Ziel des Urlaubs war es allerdings nicht, Entspannung zu finden und Landschaften zu fotografieren, sondern in das „echte Leben“ Indiens einzutauchen. Mit der Mission an unserer Street und Dokumentarfotografie  zu arbeiten, warfen wir uns mit Rucksäcken voller Kameras und Speicherkarten ins Getümmel.

Die erste Station war Indiens Hauptstadt Neu Delhi. Dort kamen wir aus verschiedenen Richtungen an und begannen sofort die Umgebung um unser Hostel zu erkunden. Unsere Unterkunft lag genau neben der Dehli Gate Metrostation und nicht weit entfernt von dem was man „Stadtzentrum“ nennen würde. Während der 1,5 Tage in Neu Delhi besuchten wir eine der größten Moscheen in Indien - Jama Masjid – wo wir ununterbrochen von Indern um Selfies gebeten wurden. Eine merkwürdige Erfahrung. Da wir aber selber zum Fotografieren dort waren, konnten wir natürlich nicht Nein sagen. Anschließend ging es Richtung Chandni Chowk, eine Art Einkaufsmeile. Allerdings bewegten wir uns  eher in den kleineren Gassen und fanden Händler, Handwerker, Verpackungs- und Druckbetriebe die ihre Arbeit auf der Straße verrichteten. Das liegt daran, dass Häuser in Indien generell sehr klein sind und somit findet quasi das gesamte Leben im Freien statt.

Am zweite Tag hatten wir eine Slumstour gebucht. Das klingt sehr nach voyeuristischen Tourismus, aber wir waren generell daran interessiert wie die Menschen leben, denen es finanziell und gesellschaftlich nicht so gut geht und indem wir die Tour buchten, konnten wir zumindest einen kleinen finanziellen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft beitragen. Was wir bei der Tour gesehen haben, war allerdings nichts was wir hätten erwarten können. Wir wurden in ein Viertel gebracht, in dem die Regierung Häuser abriss, während die Menschen noch darin wohnten. Einige sind tatsächlich in den Trümmern gestorben.  Familien wohnen zwischen staubigen Häuserresten, ein paar Meter weiter sind Bagger am Werk. Die Gemeinschaft hat kein Geld dagegen vorzugehen und muss mit der Situation leben wie sie ist. Eine schockierende Ansicht. Und dennoch sind wir keiner verbitterten Seele über den Weg gelaufen. Sie können die Situation nicht beeinflussen, also leben sie damit so gut es geht.

Nach weniger als 2 Tagen in der Stadt, war mein Eindruck von Delhi geprägt von der Masse an Menschen, der Freundlichkeit, dem guten Essen und dem Trubel. Was wir unterschätzt haben, war die Metro. Es ist sehr billig öffentlich Verkehrsmittel zu nutzen aber wie man es von westlichen Touristen erwartet, nutzen wir Über, Taxis und Rikschas. Der Verkehr in der Stadt ist allerdings so dicht, dass das eigentlich nicht viel bringt. Die Metro dagegen funktioniert super und ist schnell.

Von Neu-Delhi ging es im Nachtzug nach Jodhpur. Etwa 600km süd-westlich der Hauptstadt schien das Leben etwas entspannter zu sein. Viele Häuser in Jodhpur sind blau, weshalb die Stadt auch „Blue City“ genannt wird. Das Blau beruhigt und gibt eine angenehm entspannte Atmosphäre.

Wir verbrachten fast 3 Tage in Jodhpur und hatten somit genug Zeit die Gegend zu erkunden und vor allem das Leben zu dokumentieren. Unser Hostel verfügte über eine gemütliche Dachterrasse mit Blick auf das Mehrangarh Fort und lud zum Entspannen und Sonnen tanken ein. Da wir täglich zwischen etwa 8 und 22Uhr kilometerweise durch die Stadt liefen, war es angenehmen zwischendurch kurz ein wenig die Terrasse zu nutzen und nicht nur unsere Kameraakkus sondern auch die eigenen Energiereserven aufzutanken. 

Auf unseren Touren durch die Stadt stellten wir erneut fest, dass alles in der Öffentlichkeit passiert. Die Türen zu Wohnhäusern standen offen, Menschen sitzen vor ihren Läden und eingekauft wird dem Marktplatz und nicht im Einkaufszentrum. Wir wurden von mehreren Familien in deren Häuser eingeladen. Mit gebrochenem Englisch und viel Stolz erzählten sie uns von ihren Kindern und Geschäften. Dazu gab es hausgemachten Chai Tee. Wieder waren wir beeindruckt von der Freundlichkeit mit der die Menschen uns Fremden begegneten und unglaublich dankbar für die Geschichten, die sie uns erzählten.

Von Jodhpur aus ging es erneut mit dem Nachtzug nach Neu Delhi um von dort aus nach Kolkata zu fliegen. Leider gibt es keine direkt Verbindung und die Tatsache dass wir unendlich lange unterwegs waren um ans östliche Ende des Landes zu reisen, machte uns bewusst wie groß Indien ist

Wir kamen spät abends in Kolkata. In den Vorbereitungen erwies es sich als schwierig ein Hostel für 8 Personen zu finden. Das bereitete uns ein wenig darauf vor, dass wir eine Stadt besuchen würden, die normalerweise eher weniger auf dem Reiseplan von Touristen steht. Wir haben am Ende ein homestay gebucht – ein Haus in dem eine Familie wohnt und zusätzliche Zimmer vermietet. Alles schien viel weniger modern zu sein – die Betten waren hart, die Dusche brachte nur kaltes Wasser und wir waren relativ weit weg vom Stadtzentrum. Unser Gastgeber führte uns direkt nach unserer Ankunft zur „Eckkneipe“, die wir wahrscheinlich ohne ihn weder gefunden, noch besucht hätten. Was ein großer Verlust gewesen wäre, denn dort gab es rund um die Uhr (auch noch kurz vor Mitternacht) den besten Chai Tee den wir auf der gesamten Reise hatten.

Etwas mehr als 2 Tage hatten wir, um Kolkata zu erkunden und wir stellten schnell fest dass sich die Stadt etwas distanzierter anfühlte. Alles schien ein wenig rauer und weniger zugänglich. Kolkata forderte uns heraus und machte uns bewußt, wie unglaublich leicht wir es zuvor in Delhi und Jodhpur hatten, das Leben und die Menschen zu beobachten und zu fotografieren. Die Stadt spornte uns regelrecht an, härter für das perfekte Foto zu arbeiten.

Kolkata is eine der wenigen Städte auf der Welt, in der noch handbetriebene Rikschas als Verkehrsmittel benutzt werden. Und verteilt in der Stadt sieht man alte gelbe Taxis, die sehr an Kuba erinnern und somit zum typischen Stadtbild beitragen. Kolkata ist außerdem bekannt für seine Märkte – Blumen, Bücher, Fleisch, Töpferwaren  – für alles gibt es einen speziellen Markt und wenn man nicht früh am Morgen seinen Weg dorthin findet, verpasst man die interessantesten Momente. Noch mehr als in anderen Städten wurde sichtbar wie zeitig das öffentlich Leben in Indien beginnt.

Da eine Zugfahrt von Kolkata zu unserem nächsten geplanten Ort etwa 18 Stunden gedauert hätte, griffen wir wieder auf die Option zu fliegen zurück. Vor uns lagen 4 Tage in Varanasi. Varanasi, oder auch Banaras, ist heilig und wird als die älteste lebende Stadt bezeichnet. Am Ganges gelegen, ist sie Pilgerort für Hindus – um ihre Sünden von Mutter Ganges abwaschen und vergeben zu lassen und um zu sterben. Man sagt, Menschen die am Ganges verbrannt werden, entgehen der Reinkarnation. Der Tod ist also ein großes Geschäft in Varanasi und dennoch hat die Stadt eine positive Ausstrahlung. Es gibt zwei große Krematorien am Fluß, die ununterbrochen arbeiten. Die Luft in der Stadt ist dick und voller Staub- und Aschepartikel. Man kann es in den Lungen fühlen. 

Menschen, die in Varanasi sterben und kein erfülltes Leben hatten – Schwangere, Kinder, Behinderte – werden nicht verbrannt sondern im Ganges versenkt um ihnen eine weitere Chance zu geben. Die Traditionen und die Spiritualität lässt die Stadt wie eine Hippiekommune erscheinen. 

Varansasi hat mich am Ende nicht so sehr begeistert wie ich es erwartet hatte. Das mag aber auch daran gelegen haben, dass wir alle jeden Tag ununterbrochen auf der Suche nach dem perfekten Motiv und Foto waren und umgeben von 7 anderen extrem talentierten Fotografen spornten wir uns gegenseitig an, kreativ zu sein. Das kann tatsächlich sehr anstrengend sein aber auch sehr wertvoll.

Nach zwei Wochen Kulturschock, unglaublich gutem Essen, einer Herzlichkeit und Gastfreundschaft und tausenden Fotos machten wir uns alle auf den Weg nach Hause – zum Einen glücklich unsere Kameras für kurze Zeit ohne schlechtes Gewissen wegzulegen, aber auch melancholisch weil wir wussten dass Indien eine besondere Erfahrung war und wir alle nur halbherzig loslassen wollten. 

Indien ist ein Land der Farben, der Gegensätze und voller Offenheit und Lebensfreude. Die Menschen haben nicht viel, aber teilen was sie haben. Inder sind außerdem Stolz auf ihr Land und verschwenden keinen Moment um Fremde willkommen zu heißen. Indien ist wunderbar und hat mein Herz im Sturm erobert.


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ANJA PÖHLMANN

Anja ist gebürtige Leipzigerin und lebt inzwischen in Brighton, England. Sie hat rote Haare, blaue Augen, kann nicht nicht still stehen, liebt es unterwegs zu sein, fotografiert hauptberuflich und das am liebsten auf der ganzen Welt. Im Großstadttrubel fühlt sie sich wohl, sie lernt gerne neue Menschen kennen hält und hat eine Vorliebe für Tee und Katzen.

www.anjapoehlmann.com

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