Von Jocelyne Bückner

Patagonien_Header.jpg

Unser Flieger landet am frühen Abend in Punta Arenas. Knapp vier Flugstunden trennen ein für die Jahreszeit ungewöhnlich warmes Santiago de Chile von einem rund ums Jahr einfach kalten Punta Arenas. Willkommen in Patagonien.

Feuerland - am Ende der Welt liegen die 90er Jahre

Zwei Autostunden östlich legt die Fähre nach Feuerland ab. Es stürmt und haushohe Wellen brechen am Bug als wir in eine der abgelegensten Gegenden der Erde übersetzen. Schon der Norden der Inselgruppe ist so karg wie man sich das Ende der Welt vorstellt. Die Hauptstraße endet abrupt nach wenigen Kilometern. Ab jetzt geht es auf Schotterpisten weiter. Der Norden Feuerlands liegt auf chilenischem Gebiet, der Süden ist argentinisch. Selbst wenn man von Argentinien kommt, muss man durch Chile durch, wenn man ganz runter will. Wer sich also über viele Stempel im Pass freut (Hallo, ich!) ist hier richtig.

Um die Abgeschiedenheit Feuerlands zu begreifen, muss man sich einmal hier durchschlagen. Im Radio unseres alten Nissan läuft Cher's Shoop Shoop Song, dann irgendwas von Bryan Adams und "Gimme hope Joanna". Da man bei dem Geschaukel weder lesen noch fotografieren kann schaut man einfach aus dem Fenster und summt mit. Am Grenzposten nach Argentinien erzählt man uns, dass die Straße 2018 vollständig geteert werden soll. Schade eigentlich.

Knapp 500 Kilometer später überqueren wir zusammen mit einem Rudel Wölfe (!) die südlichste Passstraße der Erde und erreichen kurz nach Mitternacht Ushuaia, den Endpunkt der Panamericana. Inzwischen war Tag 7 unserer Reise und wir hatten es einmal quer über den Globus geschafft, trotzdem sah es gar nicht so fremd aus. Von allen Orten, die wir in Südamerika besuchen, wirkt Ushuaia am europäischsten. Die 60.000-Einwohner-Stadt lebt von ihrem Expeditionshafen. Und eindeutig auch vom Tourismus, wenn man sich die Zahl der Outdoorgeschäfte und Hotels im Bau anschaut.

Wie eine Ameisenkolonie ziehen die Bauten immer weiter den Hang hoch während die Stadt wächst. Das führt dazu, dass viele neuere Gebäude einen beinahe endlosen Ausblick über den Beagle Kanal haben. Zum Beispiel unser Appartment. Von der Fensterfront im Schlafzimmer aus kann man nicht genau sagen, wo der Beagle Kanal endet und die Antarktis beginnt. Also nehmen wir an einem grau-kalten Tag ein Boot und fahren raus soweit es geht. Mit den dicksten Mützen auf dem Kopf und einem lokalen Craft Bier in der halb abgefrorenen Hand suchen wir das Ende der Welt und finden eine Kolonie Pinguine. Zurück an Land gibt es fangfrischen Fisch und irgendwo bruzzelt immer schon ein Asado über dem Feuer. Life is good in Ushuaia.

El Chalten - für Aufsteiger und Aussteiger

Von Feuerland führt unsere Reise zurück in den Norden, tiefer in die Anden. Wir schlagen unser Lager in El Chalten auf, einem Bergsteigerdorf, das erst 1985 als Grenzposten zu Chile gegründet wurde und als Eldorado für Freeclimber gilt. Denn hier starten die Treks und Kletterrouten zu Fitz Roy und Cerro Torre. Seit wir Ende 2015 die European Outdoor Film Tournee gesehen hatten wollten wir hier her. Wir nehmen die nördliche Route zum Fitz Roy und werden trotz tief hängender Wolken und 80 km/h Wind mit atemberaubenden Ausblicken belohnt. Nach fünf Stunden zügigem wandern erreichen wir das steilste Stück - ab jetzt geht es auf allen Vieren weiter, über Eis und durch Schneefelder. An nur wenigen Tagen meines bisherigen Lebens habe ich mich Reinhold Messner so nah gefühlt. Er hat alle Achttausender bestiegen, ich den Aussichtspunkt auf einen Dreieinhalbtausender. Wir haben uns beide trotz aller meteorologischen Widrigkeiten durchgekämpft. Reinhold hat durch die Kälte seine Zehen verloren, ich meine Motivation. Und ziemlich sicher auch eine Hautschicht am Hintern. Wir notieren: Leggings sind keine geeignete Kleidung für die Anden. Und ich vielleicht ein wenig dramatisch.

Knapp eine Stunde später stehen wir (a.k.a. die neuen Messners) unter dem Gipfel, der leider in den Wolken steht. Im Windschatten eines Felsbrocken gekauert lässt sich die Aussicht für ein Sandwich lang bewundern, dann treibt der eisige Wind uns zurück ins Tal. Auf dem Abstieg durchqueren wir ein Zeltlager, das denen als Basislager dient, die ganz rauf steigen auf den Gipfel des Fitz Roy. Kletterseile hängen über Schildern, die vor wilden Pumas warnen und wir fühlen uns magisch angezogen von diesem Ort. Eines Tages kommen wir wieder. Bei Sonnenschein und in richtigen Hosen.

Wer nicht zelten mag, bekommt sein Aussteigerfeeling auch in einem der vielen Bergsteigerlokale entlang El Chaltens Hauptstraße. An knorrigen Holztischen teilt man sich eine Flasche schweren Rotwein, isst eine Schüssel Lokro, tauscht Wanderrouten aus und verständigt sich mit Händen und Füßen mit den Tischnachbarn.

Perito Moreno - nur echt mit Steigeisen  

El Calafate erinnert uns ein wenig an Skiresorts in den Rocky Mountains, wie sie in den frühen 2000er-Jahren gerne in Hollywoodfilmen dargestellt wurden. Die lange Hauptstraße ist von Sportgeschäften und alten Bäumen gesäumt, die Menschen tragen chice Daunenjacken und irgendwie scheint jeder auf dem Sprung irgendwohin zu sein. Der Kontrast zu El Chalten könnte kaum größer sein. 

Im Spa unseres Hotels können wir von den Liegen aus den Lago Argentino überblicken. Wir bleiben im beheizten Indoor Pool, bis wir ganz schrumpelig sind. Abends sitzen wir am offenen Kamin, essen die größten Steaks und haben endlich mal wieder Wlan. El Calafate ist das touristische Epizentrum Patagoniens. Und es gefällt uns überraschend gut. 

Da wir früher im Jahr auf Island schon auf eine Gletscherwanderung verzichtet haben, weil sie uns unauthentisch erschien kommen wir jetzt nicht umhin, im Geschäft eines Tourenanbieters wenigstens mal vorbeizuschauen. Weil es nichts authentischeres gibt als mit Steigeisen an den Füßen über einen Gletscher zu marschieren - die Menschen hier bewegen sich praktisch kaum anders fort. Keine zwei Stunden später gehen wir zusammen mit zwanzig Argentiniern, einer Amerikanerin, die das Alterslimit von 65 Jahren ziemlich sicher überschritten hat und einem chinesischen Pärchen, das unheimlich viele Selfies schießt, an Bord des Expeditionsbootes. Am Fuß des Gletschers - man sagt dazu "Zunge" - wird die Gruppe zweigeteilt in eine spanische und eine englischsprachige. Die Alte, die meistfotografierten Chinesen der Welt und wir beide ziehen zusammen los. So skeptisch ich gegenüber geführten Touren im allgemeinen und dieser hier im speziellen bin, muss ich doch sagen, dass das Erlebnis schön ist. Von oben wirkt der Gletscher noch viel größer und ist stark zerklüftet. Die Gletscherspalten schimmern in einem irren türkis. Außerdem gibt es zum Abschluss einen Whisky mit Gletschereis und man darf sich umsonst nachschenken. Die Tour hat umgerechnet 150 Euro gekostet. Wer mag darf sich gern selbst überlegen, ob ich wohl nachgeschenkt habe.

Der Gletscher Perito Moreno war eines der ersten Bilder, das ich im Kopf hatte, als wir noch vage über eine Reise nach Argentinien nachdachten. Es gibt Orte, die werden nur dann real, wenn man sie von einem bestimmten Punkt aus gesehen hat. Zum Beispiel der Eiffelturm vom Trocadero aus gesehen. Oder die New Yorker Skyline vom Rockefeller Center aus - sodass man das Empire State Building mit im Blick hat. Den Perito Moreno Gletscher muss man von seiner Aussichtsplattform aus sehen. Als wir wieder auf der Landseite ankommen bleibt noch eine halbe Stunde bis der Nationalpark schließt. Die letzten Besucher machen sich auf den Weg Richtung Ausgang, als ein furioser silberner Nissan in die Gegenrichtung schießt. Als wir auf den Parkplatz rollen, ist es kurz vor Sonnenuntergang und wir sind ganz allein. Die Plattform bietet auf vier verschiedenen Routen knapp vier Kilometer Aussichtspfad und auf den Bildern neben den Hinweisschildern sieht man, dass hier tagsüber Tausende Menschen rumwuseln. Jetzt sind es nur wir zwei. Es ist so ruhig, dass man jedes Mal Gänsehaut bekommt, wenn ein Stück Eis in die Stille hinein abbricht und zehn, zwanzig Meter unterhalb in den Gletschersee kracht. Wir bleiben fünf Minuten einfach stehen und schauen dabei zu. Dann werden wir rausgeworfen. Well worth it. 

Torres del Paine - wo Wasser zu Wein führt

Es gibt einen direkten Weg von El Calafate nach Torres del Paine, der über einen kleinen Grenzübergang beim Ort Cancha Carrera führt. Theoretisch. Praktisch wird der Grenzposten gerade renoviert und ist daher geschlossen. Praktisch stellen wir das erst fest als wir genau dort stehen. Es gibt keinen direkten Weg von El Calafate nach Torres del Paine.

Am nächsten Morgen wachen wir neben vier fremden Menschen auf. Nicht entführt - auch wenn uns in Cancha Carrera sicher nie einer gefunden hätte - sondern im Sechs-Bett-Zimmer des Refugio am östlichen Startpunkts des W-Trek. Nach der Kälte in El Chalten und der mühsamen Anreise haben wir es uns redlich verdient, jetzt von strahlendem Sonnenscheint geweckt zu werden. Ok, Scherz. Es regnet wie aus Eimern und unser Trek für die nächsten Tage, von dem ich hier gern berichtet hätte, ist gesperrt. Wir ziehen trotzdem los, in die andere Richtung. Es regnet wirklich viel. Es regnet so viel, dass sich Wasser in der Kameralinse meines Handys sammelt und meine Bilder automatisch ein Bokeh kriegen. Alles um uns rum ist entweder moosgrün, türkisblau oder grau. Und alles hat ein Bokeh. Die ganze Atmosphäre ist ziemlich mysthisch. Wir sehen nicht viele andere Wanderer an diesem Tag, dafür viele Guanakas, ein paar Condore und genau ein Gürteltier. Als wir am folgenden Tag aufwachen regnet es noch immer. Wir bleiben im Refugio, spielen im Aufenthaltsraum Scrabble und bestellen um 16 Uhr die erste Flasche Rotwein. 

Am nächsten Tag bleiben wir dafür trocken, um den Park immerhin mit dem Auto zu erkunden. Und das stellt sich als richtig gute Idee raus. Ein eigenes Auto dabei zu haben lohnt sich in Torres del Paine sicher auch, wenn man keine Zeit oder Kondition hat um den Park zu Fuß zu erschließen. Grob gesagt kann man alles südlich der Lagos Gray, Pehoe und Nordenskjöld mit dem Auto und maximal einer Stunde wandern erreichen. Ein Allradfahrzeug ist nicht nötig. Die Straßen sind zwar nicht geteert, aber in gutem Zustand. Sogar nach vier Tagen Dauerregen, als der Park wegen Überflutung gesperrt wurde, kamen wir mit unserem kleinen Nissan ohne größere Probleme raus - und wir haben es uns nicht nehmen lassen, noch einmal quer durch den Park zu cruisen, ehe wir uns verabschiedet haben. Besonders schön ist die Route vom östlichen Parkeingang vorbei am Salto Grande zum legendären Explora Hotel. Außerhalb des Parks ist die Strecke zwischen südlichem Parkeingang und der Höhle des Milodon absolut sehenswert. 

Nach drei Wochen steigen wir in Punta Arenas wieder in den Flieger nach Norden. Es stürmt und der Regen peitscht ans Fenster als wir abheben. Mehr besseres Wetter wäre noch schön gewesen. Aber man braucht ja immer einen Grund wieder zu kommen.


Jocelyne.png

JOCELYNE BÜCKNER

Jocelyne hat kein Lieblingsreiseziel. Sie mag einfach alle. Am besten fühlt sie mit einem Flugticket in der einen und etwas zu essen in der anderen Hand. Ihre liebste Art zu Reisen sind Road Trips, sie singt im Auto zu laut mit und muss an jedem Supermarkt unterwegs anhalten. Sie liebt das Meer und die Berge gleichermaßen und findet deshalb, dass sie dringend mal nach Hawaii sollte.

http://wanderlustandfound.de

Comment